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Interview Naisbitt

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Im Sog der Seidenstraße

China wird zum globalen Reich der Mitte, schreiben die Megatrend-Autoren John und Doris Naisbitt (Foto) in ihrem neuen Buch „Im Sog der Seidenstraße“. Astrid Oldekop sprach mit den Zukunftsforschern über Chinas Strategie, der Vormachtstellung des Westens ein neues Konzept der Globalisierung entgegenzusetzen.

 

Sie waren dabei, als Präsident Xi Jinping 2013 in Kasachstan erstmals von der Wiederbelebung der alten Seidenstraße sprach. Wann haben Sie begriffen, was hinter diesem Begriff steht?

Wenn die chinesische Führung ein Vorhaben verkündet, das an die Vergangenheit Chinas als Weltreich anknüpft, kann man davon ausgehen, dass das nicht einfach so daher gesagt ist. Allerdings kannten wir damals keine Details. 2014 haben wir uns bei den Recherchen für unser Buch „Machtwende“ zum ersten Mal mit dem „Wirtschaftsgürtel Seidenstraße“ beschäftig und geschrieben, dass China sich seiner historischen Rolle als Reich der Mitte sehr bewusst ist und künftig eine wesentlich größere Rolle als globales Reich der Mitte einnehmen wird.

Die Seidenstraßen-Initiative besteht aus einer Vielzahl aktiv von China gesetzter Maßnahmen mit dem Ziel, eine neue globale Ordnung zu schaffen. Kann man hier von einem Megatrend sprechen?

„China schafft Megatrends“ lautet der Titel der chinesischen Ausgabe unseres Buches. Mit Megatrends sind weder die Infrastruktur noch die Erschließung neuer Handelswege gemeint, sondern die geopolitischen Veränderungen, sowohl in den USA und ihren schwindenden Verbündeten als auch in China und dem Rest der Welt. China will die Globalisierung neu definieren und implementieren. Üblicherweise entwickeln sich Megatrends Bottom-up, in diesem Fall ist aber eine klare Top-down-Initiative die treibende Kraft.

Welche Auswirkungen hat der Handelskrieg auf diese geopolitischen Entwicklungen?

Das ist schwer abzuschätzen. Kurzfristig könnte dieser Konflikt sehr irritierend sein. Doch langfristig wird es zu diesen geopolitischen Verschiebungen kommen. Denn wir wissen, dass Chinas Regierung – anders als die der USA – sehr langfristig denkt.

Die Seidenstraßen-Initiative wurde 2017 in die Verfassung der Kommunistischen Partei Chinas aufgenommen. Ein Scheitern ist nicht vorgesehen. Welche Risiken birgt ein Mega-Projekt, das nicht schief gehen darf?

Das größte Risiko für China wäre ein Gesichtsverlust, sowohl für Präsident Xi Jinping als auch für das Ansehen des Landes. Das ist natürlich ein enormer Antrieb.

Präsident Xi hätte die Seidenstraßen-Initiative (BRI) niemals in die Partei-Verfassung aufgenommen, wenn in internen Abwägungen und Berechnungen nicht maximale Sicherheit gegeben wäre. Deng Xiaopings Fußstapfen sind groß: Auf nationaler Ebene legte er den Grundstein zu dem was China heute ist. Bei der Seidenstraße geht es nun um Chinas globale Positionierung und um Xi Jinpings Vermächtnis.

In mehreren eingebundenen Ländern wurde bereits Kritik an der Initiative laut ...

... die Risiken in den Partnerländern sind sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von politischen Turbulenzen bis hin zu wirtschaftlichen Zusammenbrüchen. Das sehen wir gerade in Venezuela, wo China Vereinbarungen mit Maduro getroffen hatte. Regimewechsel, Revolutionen, der Verfall von Währungen, all das birgt große Unsicherheiten für die Seidenstraßen-Initiative, vor allem in Afrika.

China sieht die BRI jedoch vor allem als Stabilisierungsfaktor: Hinter ihr stehen der Wille und die Mittel, die Wurzeln des Terrors zu bekämpfen, indem Voraussetzungen für wirtschaftlichen Aufschwung geschaffen werden, die den Menschen Perspektiven geben.

Sie sprechen von der „ökologischen Zivilisation“ als Chinas Version einer nachhaltigen Entwicklung. Was macht Sie so sicher, dass China die Umweltsünden, die in den 40 Jahren der Öffnungspolitik im Land selbst begangen wurden, nicht in globalem Maßstab wiederholt?

Gerade die Tatsache, dass China selbst so viele Umweltsünden begangen hat. Heute arbeitet das Land mit großem Aufwand am Abbau der ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen. Das Land legt schon lange den Fokus auf Wirtschaftswachstum durch eine wachsende Serviceindustrie und Innovationen, vor allem im IT-Bereich. International versteht es sich als Infrastruktur- und Service-Provider für Partnerländer, in denen Wirtschaftswachstum durch neue, umweltfreundlichere Industrien erzielt wird.

Ihr Buch heißt „Im Sog der Seidenstraße“: Sind die betroffenen Länder diesem Sog schutzlos ausgeliefert? Wie sollten die Europäer mit Chinas Avancen umgehen? Besteht die Möglichkeit, gestaltend an diesem großen Konzept mitzuarbeiten?

Den Sog, den eine Investition in Infrastruktur auf viele Bereiche ausübt, haben wir in China vielfach erlebt. Unser Co-Autor Laurence Brahm hat es so formuliert: “Man kann den Drachen nicht besiegen, aber man kann ihm folgen”. China besitzt einen enormen, nicht einholbaren Kommunikations- und Investitionsvorsprung in Zentralasien, Afrika und Lateinamerika. Doch der Sog, den die chinesischen Investitionen erzeugen, richtet sich nicht gegen ein Land, sondern ebnet den Weg für weitere Investitionen. Damit meinen wir nicht nur den Handel, der durch die neu geschaffene Infrastruktur erst möglich wird. Mit steigendem Einkommen steigt der Bedarf, darin liegt auch eine Chance für Europa.

Wie können die Europäer von dieser neuen Ordnung profitieren, in welchen Bereichen ergeben sich neue Chancen?

Ein westlicher Diplomat in Peking hat es kürzlich ziemlich forsch so formuliert: „Was produziert Europa, das China nicht produzieren kann?“ China führt in Robotik, hat in der Künstlichen Intelligenz mit den USA fast gleichgezogen, es hat das weltweit größte Netz für Hochgeschwindigkeitszüge und baut Flughäfen in Rekordzeit. Ein Bericht der Internationalen Energie Agentur bestätigt Chinas führende Rolle bei erneuerbaren Energien. Da wird es nicht leicht, eine Nische zu finden. Der sicherste Weg ist eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten, die sich eröffnen und eine bestmögliche Kenntnis der Schwachstellen. Das trifft sowohl auf China zu als auch auf die BRI-Partnerländer.

China tritt mit neuem Selbstbewusstsein auf die Weltbühne. Die USA ziehen sich zurück. Europa spricht nicht mit einer Stimme. Wie sehen Sie die globale Ordnung im Jahr 2049, dem hundertsten Geburtstag der Volksrepublik China?

Präsident Trumps Politik ist Entkoppelung im Rückwärtsgang. Chinas Weg dagegen ist Business orientierte Integration. Unter dem Prinzip der Nichteinmischung baut China auf wirtschaftliche Veränderung, und diese bringt langfristig auch politische Veränderung mit sich. Wie sich der Weg, den China im eigenen Land beschreitet, auf einen Wertewandel in der Weltgemeinschaft auswirken wird, bleibt noch offen. Europa liegt nicht nur geografisch in der Mitte zweier Blöcke, sondern bleibt weiter gespalten. Eine Prognose über 30 Jahre bliebe angesichts disruptiver Technologien und der Verschiebung der Gewichtung von Staaten reine Spekulation.

John und Doris Naisbitt, Laurence Brahm: Im Sog der Seidenstraße: Chinas Weg in eine neue Weltwirtschaft. Langen-Müller. 2019

Foto: Aya Okawa, letztes Update: 21.3.2019

 

 

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